• Dr. phil. Rüdiger Koch

Die Stärke des Unfertigen

Aktualisiert: 2. Dez 2020

In der Gegenwart wird die Zukunft unserer Gesellschaft verhandelt. Doch wer verhandelt? Und welche Gesellschaft ist gemeint?


Hatten studentische Generationen einst den Mao-Look als äußeren Ausdruck antiautoritärer Gleichheit verstanden, so werden wir heute digital seziert und ökonomisch verwertet. Der Populismus, eine Art Gegenbewegung, hat keinen sozialphilosophischen Vorlauf, wie die von Adorno, Horkheimer oder auch Sartre beeinflusste Studierendenbewegung der 1960er Jahre. Der Populismus von heute nimmt sich singulärer Themen an, um sich hieraus ein abgeschlossenes Weltbild zu zimmern. Das digitale Netz wird hierbei nicht ökonomisch verwertet, sondern dient als Echokammer, welche die brüchige Statik des Gedankengebäudes überdeckt. Dieser Weg führt die Kultur in eine letale Eindimensionalität.

Nun sprießen im heutigen China die Milliardäre aus dem Pseudo-Einheitsboden. Kaum ein anderes Land „sorgt“ sich so um das gesellschaftliche Individuum. Der digitale Sprung erlaubt das kontrollierte Individualisieren. Insoweit ist es ein Zugeständnis, ein Ablegen des Mao-Looks, unter dem Vorbehalt der staatlichen Kontrolle. Die jahrtausendealte Kultur Chinas, die einheitserhaltene Schrift, sind starke Fundamente, ohne die dieser Balanceakt kaum Bestand hätte.

Der westliche Populismus spielt mit der Ich-Schwäche des Individuums. Er sucht und findet seine Stärke im ausgrenzenden Wir, nicht in einem Wir in der Vielfalt. Letztere gilt es in einer offenen Gesellschaft „auszuhalten“. Dieses setzt das Eingeständnis einer eigenen Unvollkommenheit voraus sowie die Neugier auf bisher Unerhörtes und -gedachtes. Dieses Ich im Wir lebt in keinem gedanklichen Fertighaus. Die Menschen sind eben nicht im Bewusstsein ihrer gestalterischen Potentiale „fertig“. Hiermit wandelt sich die „Schwäche“ des Sich-Einlassens und -Öffnens in eigene Haltungsstärke und in einen gesellschaftlichen, einen kulturellen Mehrwert. Dieses geht von uns aus und über uns hinaus. Und dieses lässt sich nicht abschließen, der Zukunft wegen.

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