• Dr. phil. Rüdiger Koch

Die Freie Kulturszene: Räume für Kultur

Aktualisiert: 11. Nov 2020

Ein Statement in Krisen- und Umbruchszeiten

R. K.: Gerade Krisen- und Umbruchszeiten verlangen den menschenverbindenden Diskurs. Kann die Kultur hierbei eine katalytische Aufgabe übernehmen?

C. S.: Kultur kann nicht nur, sie muss diese Aufgabe übernehmen. Gesellschaftliche Krisen lassen sich nur durch solidarische Gemeinschaft und Gemeinsinn überwinden. Kunst und Kultur leistet dies, indem sie Menschen zusammenbringt und kommunikativen Austausch induziert. Sie schafft die Freiräume für die Entfaltung wegweisender Initiativen und Projekte. Die sich unter dem Eindruck der Krise verstärkenden individuellen Ängste wirken auf die Gesellschaft neurotisierend und entfalten unvorhersehbare soziologische Folgen. Kulturelle Angebote tragen mutmachend zur Abmilderung dieser Ängste bei, indem sie Hoffnung durch alternative Sichtweisen wecken und Zuversicht durch gemeinsame Erfahrungen vermitteln.

Der bisherige Verlauf der Corona-Krise zeigt, wie schwer es ist, den so dringend erforderlichen gesellschaftlichen Konsens aufrecht zu erhalten, wenn die Kulturszene nahezu vollständig in den verordneten Stillstand versetzt wird.

Während in den Sommermonaten durch zahlreiche Initiativen, wie z.B. das Magdeburger Kultur Picknick, kulturelle Angebote trotz massiver Einschränkungen und Auflagen aufrechterhalten werden konnten, stehen wir im November vor einem 2. Lockdown mit unabsehbaren Folgen für das gesellschaftliche Klima in unserem Land.

Es wird entscheidend darauf ankommen, der Kunst und Kultur so schnell wie möglich ihre „katalytische Aufgabe“ zur Aufrechterhaltung eines zielführenden menschenverbindenden Diskurses wieder zuzuweisen und zu ermöglichen.

R. K.: Aufgrund ihrer Eigenart und Vielfalt hat die Freie Kulturszene eine vergleichsweise geringe Affinität zu verbandlichen Strukturen. Erwachsen diesem kreativen Charme, fern eines Lobbyismus‘, nicht auch Nachteile?

Wie ließe sich die (kultur-)politische Wahrnehmung verbessern?

C. S.: Der Musiker und Fotograf Till Brönner weist in seiner Videobotschaft vom 27. Oktober zu Recht auf das Problem der mangelnden Organisationsstrukturen der Freien Kulturszene Deutschlands hin. Zwar möchte man meinen, den politischen Entscheidungsträgern sollte die gesellschaftliche Notwendigkeit der freien Kunst und Kultur in vollem Umfang bewusst sein, doch offenbart der Umgang mit den in existenzielle Notlagen geratenden 1,5 Mio Kulturschaffenden dieses Landes und der Gleichsetzung der Kultur mit entbehrlichem Volksvergnügen das Gegenteil. Insofern wird es mehr denn je darauf ankommen, dass sich die Freie Szene zunächst lokal, dann in den Ländern und schließlich auch bundesweit neu organisiert und hierbei zugunsten einer wirksameren Einflussnahme auf politische Entscheidungsfindungen Kompromisse bei der Auslebung individueller Freiheiten bereit ist einzugehen. Auf diesem Weg zu einer funktionierenden Selbstorganisation wird die Freie Kulturszene mit ihrem „kreativen Charme“ ganz sicher spannende Alternativen zu den sonst üblichen, zuweilen starren Verbandsstrukturen finden.

R. K.: Nicht immer gibt es zwischen der Freien Kulturszene und den institutionellen Kulturadressen den gewünschten Dialog. Signifikant unterschiedliche Finanzierungsstrukturen oder institutionelle Organisationsbedingungen lassen Raum für potentielle Konflikte und Missverständnisse. Dabei müssen doch gerade die jeweiligen Kulturakteure den Diskurs leben. Welchen Beitrag kann hierzu die Freie Kulturszene leisten?

C. S.: Die funktionierende Kommunikation zwischen den jeweiligen Akteuren der Freien Kulturszene mit den zuständigen Institutionen der Politik und Verwaltung bedarf einiger Voraussetzungen, die leider nicht immer erfüllt sind und systembedingt auf Schwierigkeiten stoßen. Oft findet die Kommunikation nicht offen auf Augenhöhe statt, insbesondere dann nicht, wenn eine Abhängigkeit seitens der Kulturschaffenden aufgrund notwendiger finanzieller Unterstützung besteht, die nach Ermessen gewährt wird.

Ein zweites Problem ergibt sich aus der fehlenden Bereitschaft oder gar fehlendem Vermögen, sich auf die kommunikative Ebene des Gegenübers einzulassen. In diesem Fall bedürfte es eines Mittlers bzw. Übersetzers. Einem kreativen Künstler fällt es naturgegeben oft schwer, sich in den Begrifflichkeiten einer Verwaltungsinstitution auszudrücken. Auf der anderen Seite ist es ein seltener Glücksfall, wenn sich der Vertreter einer Behörde in die oft intuitiven kreativen Gedankengänge eines Kulturschaffenden hineinversetzen und dessen Anliegen sogleich in verwaltungskonformes Vokabular übersetzen kann.

Drittens fehlen den betreffenden Institutionen in Politik und Verwaltung allzu oft die zeitlichen Ressourcen für die jeweiligen Anliegen der Kulturschaffenden, so dass die Gespräche, wenn überhaupt, oft nur oberflächlich und unverbindlich stattfinden können.

Alle drei beispielhaft aufgeführte Schwierigkeit ließen sich überwinden durch die Einführung einer Organisationsstruktur der Freien Kulturszene, deren legitimierte Vertreter stellvertretend für jedes einzelne Mitglied des Netzwerkes die Kommunikation mit den jeweiligen Institutionen und politischen Entscheidungsträgern führen könnten und hierbei die jeweiligen Anliegen und Projekte gebündelt zur Sprache bringen würden.

R. K.: Die Festung Mark, ein Projekt der Freien Kulturszene, hat einen erfolgreichen, gleichwohl auch steinigen, fast 20jährigen Weg hinter sich. Was findet sich im Erfahrungsgepäck?

C. S.: Die Festung Mark zeigt beispielhaft auf, wie erfolgreich sich Potentiale für die Kunst und Kultur nachhaltig erschließen lassen, wenn visionäres bürgerliches Engagement auf Konstruktivität und lösungsorientierte Handlungsbereitschaft in der kommunalen Verwaltung trifft. Bereits während der etwa 10jährigen Bauzeit ist es gelungen, einen stetig wachsenden Kulturbetrieb zu etablieren. Hierbei reicht das Spektrum der kulturellen Vielfalt vom akademischen Gesellschaftsabend über Konzerte, Schauspiel und Lesungen bis zu Kunstmärkten und größeren Messeveranstaltungen. Mehr als 150.000 Besucher aller Generationen und Schichten erreichte das Kulturzentrum im letzten Jahr. Die Festung Mark bietet mit ihren kulturellen und gastronomischen Angeboten die kommunikative Schnittstelle zwischen der Stadt Magdeburg und ihren beiden Hochschulen. Mit der Otto-von-Guericke-Universität besteht seit 2016 ein umfangreicher Kooperationsvertrag; seitdem ist die Festung Mark Teil des Uni-Campus und bildet einen wesentlichen Teil des studentischen Kulturgeschehens. Mit mehr als 300 Stifterinnen und Stiftern garantiert die KulturStiftung FestungMark als alleinige Gesellschafterin der Betriebsgesellschaft die Einbeziehung der Bürgerschaft und die gemeinnützige Ausrichtung des Projektes. Sie ermöglicht darüber hinaus der Kommune und den beiden Hochschulen durch deren Mitwirkung in den Organen der Stiftung die Einflussnahme und Stabilität auch in schwierigen Entwicklungsphasen.

R. K.: Das Magdeburger Kultur Picknick der Festung Mark als eine Kreativantwort in Coronazeiten begründet bundesweit ein neues Format. Wie sieht dieses aus und was konnte hiermit exemplarisch bewirkt werden?

C. S.: Seit Mitte März befindet sich die Freie Kulturszene landesweit angesichts des coronabedingt verordneten

Lockdowns in einem Schockzustand. Den Künstlern und Soloselbständigen, aber auch den privatwirtschaftlich geführten Kulturhäusern und letztendlich der gesamten Kultur- und Veranstaltungsbranche wurde unverschuldet die existentielle Grundlage entzogen und ein zumindest partielles Berufsverbot verhängt. In dieser von Ratlosigkeit und Resignation geprägten Phase entwickelte die Festung Mark mit dem „1. Magdeburger Kultur Picknick“ innerhalb kürzester Zeit ein bis dahin in Umfang und Ausrichtung einmaliges Kulturprojekt. In Zusammenarbeit mit der Freien Kulturszene und mit großer Unterstützung der Magdeburger Bürgerschaft fanden auf der Wiese vor der Festung Mark vom 29. Mai bis 11. August mehr als 70 Veranstaltungen statt. Das Programm beinhaltete Kultur und Kunst in ihrer ganzen Bandbreite, wie Konzerte, Theateraufführungen, Kabarett, Comedy, Familiennachmittage sowie Gottesdienste.

Kernbestandteil des Konzeptes ist die Platzierung einer limitierten Anzahl von Picknickdecken in nötigem Abstand zueinander mit bestem Blick auf eine Bühne, sodass alle Hygienebestimmung im Sinne des Gesundheitsschutzes der Besucher und Künstler umgesetzt werden konnte. Ein 700m² großer Schirm bildete als eine Art „Magic Sky“ Schutz vor übermäßiger Sonneneinstrahlung und Regen, sodass die Abstandsregeln bei jeder Witterung eingehalten werden konnten und ein ungetrübtes Kulturerleben zu jeder Zeit gegeben war.

Mit einer eigenen speziellen App wurden lange Schlangen an den Food- & Drink-Ständen vermieden, indem die Gäste ihre Bestellungen bequem von der Picknickdecke aus vornehmen konnten.

Mehr als 150 Künstlerinnen und Künstler erhielten während der Kultur Picknicks sicher bezahlte Auftrittsmöglichkeiten und weit über 10.000 Besuchern aller Generationen konnten in dieser schweren und sorgenvollen Zeit Kulturlebnisse in Gemeinschaft bei Einhaltung des notwendigen Abstandes ermöglicht werden. Inzwischen wurde das Konzept zunächst in der Altmark und im Jerichower Land und dann deutschlandweit z.B. in Leipzig, Berlin und Dresden in wesentlichen Bestandteilen übernommen.

Die Veranstaltungsreihe wurde konzipiert als Beitrag für die Bewerbung Magdeburgs zur Kulturhauptstadt Europas. Sie soll unabhängig von der aktuellen Corona-Situation in den kommenden Jahren fortgesetzt und ausgebaut werden.

Mein Interviewgast Christian Szibor


Im Februar 2001 stellte mir ein Student der Betriebswirtschaftslehre seine Vision vor, aus einer brachliegenden Festungsanlage, gelegen gegenüber dem Campus der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, einen Raum für Kultur zu entwickeln. Ich hörte mehr als eine Ideenskizze und spürte dessen sprühendes Engagement. Christian Szibor hatte mich mit unserer ersten Begegnung als Förderer und späteren langjährigen Unterstützer dieses Vorhabens gewonnen.

Drei Jahre später, nachdem die ersten kulturpolitischen Weichen gestellt worden waren, entwarf Christian Szibor in seiner Diplomarbeit ein Betriebskonzept für die Kulturfestung in Form einer GmbH und Stiftung. Heute zählt die Festung zu den bedeutendsten Adressen der Freien Kulturszene in Sachsen-Anhalt.

Ohne Christian Szibor, seinen anhaltenden persönlichen Einsatz für dieses anspruchsvolle Projekt, wäre die Kulturlandschaft von Stadt und Land ärmer. Mehr noch: Christian Szibors Blick ging stets über die Festung Mark hinaus. Sein Handeln wird von Verantwortung bestimmt, für den Betrieb der Kulturfestung wie das gesellschaftliche Umfeld. So moderiert Christian Szibor in der aktuellen Corona-Krise die Freie Kulturszene der Stadt Magdeburg und entwickelte sich zu ihrem Sprecher. Die Verantwortlichen von Stadt und Land wissen seine fachlichen Anregungen und sachbezogene Argumentation zu schätzen. Für mich steht Christian Szibor deshalb beispielhaft für einen Vertreter der Freien Kulturszene in diesen Krisen- und Umbruchzeiten.


Biographisches zu Christian Szibor

Geboren in Magdeburg (1972), aufgewachsen in Biederitz (Jerichower Land), Abitur in Burg


Zivildienst in Heyrothsberge und Burg


Umbau eines einstigen Stasi-Bunkers zur studentischen „Bunker Musikkneipe“ und Entwicklung des Heyrothsberger Parkes zum kulturellen Freiluftareal


Studium der Betriebswirtschaft in Leipzig und Magdeburg


Ab 2001 Initiator des Projekts „KaserneMark–Die Kulturfestung für Magdeburg“


Wahl zum viertplatzierten „Magdeburger des Jahres“ der Volksstimme im Jahr 2004


Initiator der Gründung der „KulturStiftung FestungMark“


Gründung der FestungMark Betriebsgesellschaft mbH zum 1. Januar 2007


Seit 2007 Geschäftsführer der FestungMark Betriebsgesellschaft mbH mit inzwischen 20 Beschäftigten


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